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  Salzburger Festspiele 2009
 
25. Juli bis 30. August

Salzburger Festspiele 2009 © C+M Baus


Die Oper
 
Das Spiel der Mächtigen“, der Titel den Giorgio Strehler zwei seiner großen Shakespeare-Abende in Salzburg gewidmet hat, wird die Salzburger Festspiele 2009 als Jahresmotto begleiten. Ebenso wenig wie Strehler wollen wir „Anwalt und Buchhalter“ sein, sondern unsere Opern, Stücke, Konzerte aus sich heraus wirken lassen, menschliche „Parabeln, Symbole, Wahrheiten zugleich“. Im Rückblick auf verlorene Zeiten werden wir neue Utopien finden.

Luigi Nono, zentraler Komponist im diesjährigen Opernprogramm, hat sich ein Leben lang mit dem Zwiespalt zwischen dem Individuum und der Macht beschäftigt. Ein Satz hängt wie ein Spruchband über seinen Werken: „Die Schönheit setzt sich der Revolution nicht entgegen“ – dieser Ausspruch von Ernesto Che Guevara steht auch als Titel zum Vorspiel seiner Oper Al gran sole carico d’amore (Unter der großen Sonne, von Liebe beladen).

Al gran sole carico d’amore von Luigi Nono (1924–1990), das Schlüsselwerk des diesjährigen Opernprogramms, ist ein großes Requiem auf verschollene Hoffnungen. In Szene setzt dieses imposante Meisterwerk des modernen Musiktheaters Katie Mitchell in der  Felsenreitschule. Ingo Metzmacher leitet die Wiener Philharmoniker.

Jahresregent Georg Friedrich Händels 1750 uraufgeführtes Oratorium Theodora, das die beiden Pole zwischen jenseitiger Entsagung und diesseitiger, körperlicher Lust auslotet, erarbeitet der „Regisseur des Jahres“ Christof Loy; Ivor Bolton leitet das Freiburger Barockorchester; in der Titelrolle als weltentsagende Christin ist Christine Schäfer zu hören, der amerikanische Countertenor Bejun Mehta gibt den sie begehrenden Offizier Didymus.

Christof Loy nimmt sich auch des zweiten Jahresregenten Joseph Haydn wieder an: Armida ist mit Annette Dasch in der Titelrolle und dem kongenialen Michael Schade als Rinaldo zu erleben. Das Mozarteum Orchester Salzburg spielt unter Ivor Bolton.



 
Einen biblischen Stoff verarbeitetet Gioacchino Rossini in seiner Grand Opéra Moïse et Pharaon: die Befreiung der Juden aus der ägyptischen Knechtschaft, wobei sich der Kampf um die Freiheit als Glaubenskampf manifestiert. Exemplarisch vorgeführt auch in einer „rührenden Liebesgeschichte“ zwischen Anais, der Nichte des Mose, und Amenophis, dem Sohn des Pharao. Riccardo Muti erarbeitet das Werk mit Ildar Abdrazakov und Nicola Alaimo in den Titelrollen. Es spielen die Wiener Philharmoniker; Regie führt Intendant Jürgen Flimm.

Mit Così fan tutte vollendet Regisseur Claus Guth seine Arbeit an den Mozart-Da-Ponte-Opern. Im Spannungsfeld zwischen Liebe und Leidenschaft, Sicherheit und Selbstaufgabe, Treue und Verrat verlieren sich Miah Persson als Fiordiligi, Isabel Leonard als Dorabella, Topi Lehtipuu als Ferrando und Johannes Weisser als Guglielmo in einem Gefühlschaos. Die Strippen des gefährlichen Spiels ziehen Bo Skovhus als Don Alfonso und Patricia Petibon als Despina. Am Pult der Wiener Philharmoniker steht Adam Fischer.

„Così fan tutte le belle! Non c’è alcuna novità“, heißt es in Le nozze di Figaro: In der Regie von Claus Guth spielen und singen in Mozarts Welttheater menschlicher Leidenschaften Gerald Finley und Dorothea Röschmann das Grafenpaar. Julia Kleiter ist die neue Susanna, Luca Pisaroni ihr Figaro und Martina Janková Cherubino.

Daniel Barenboim schließlich nimmt sich der Befreiungsoper schlechthin an: Beethovens Fidelio. Unterstützt wird Daniel Barenboim von einem hochkarätigen Sängerensemble – mit Waltraud Meier als Leonore und Simon O’Neill als Florestan – sowie dem West-Eastern Divan Orchestra, das nach Salzburg zurückkehrt.
 
Spielplan Oper 2009
 
Georg Friedrich Händel • Theodora
Wolfgang A. Mozart • Così fan tutte ossia La scuola degli amanti
Luigi Nono • Al gran sole carico d'amore
Gioacchino Rossini • Moïse et Pharaon ou Le Passage de la Mer Rouge
Wolfgang A. Mozart • Le nozze di Figaro
Joseph Haydn • Armida
Ludwig v. Beethoven • Fidelio (ausverkauft)

Salzburger Festspiele 2009 © Monika Rittershaus

Das Schauspiel
 
Wenn du wirklich Zweifel hast, dann geh“, sagt Pfarrer Fassbinder zu dem jungen Priesterseminaristen Beerholm, der in Daniel Kehlmanns Debütroman seinen Abschied aus dem kirchlichen Leben nehmen möchte, um Zauberer zu werden. „Geh sofort und für immer. Du tust uns keinen Gefallen, wenn du zu uns kommst, nur wir tun dir einen, wenn wir dich aufnehmen. Man gewährt uns keine Gnade, alle Gnade geschieht durch uns.“ Von diesem Satz lässt sich ein gewaltiger Sprung zurück in die Zeit unternehmen, direkt in das Zentrum von Euripides’ Stück Die Bakchen. Wer glaubt, ohne Glauben leben zu können, wird in dieser Tragödie eines anderen belehrt. Nicht Pentheus gewährt dem Gott Dionysos späterhin eine Gnade, wenn er von seiner Fesselung ablässt, sondern der Gott selbst wird demonstrieren, welch enger und öder Platz die Welt ist, wenn er ihr seine Gnade verwehrt. Eine Welt, durch die in biblischen Zeiten der Feldherr Holofernes zog, im Begriff, ein Weltreich zu erobern, bis er auf Judith stößt und ihr Volk. In den Augen dieser Auserwählten ist der mächtigste Mann der Welt am Ende nicht mehr als ein Affe, der sich für etwas Besseres hält und dem sie den Kopf abschlägt. Hier wiederholt sich der Schock, mit dem sich die Instanz die Gnade schenkt, selbst gnadenlos offenbart – in einem Akt der Gewalt, der Destruktivität, der Auslöschung: Thebens König Pentheus wird von den Händen seiner rasenden Mutter mit nackten Händen zerrissen, Nebukadnezars Feldherr im Schlaf geköpft, und Dostojewskijs Jurastudent Raskolnikow spaltet einer alten Pfandleiherin mit dem Beil den Schädel, um als Gottes Stellvertreter den Gang der Geschichte in andere Bahnen zu lenken.

Macht, sagt W.G. Sebald, ist eine imaginäre zweite Welt, die nur durch die Einwirkung von Gewalt zur ersten Wirklichkeit werden kann. Und so ist „Das Spiel der Mächtigen“ ein Spiel der Gewaltakte, die aus einer Sphäre des Imaginären niederfahren und historische Realitäten schaffen.

 
  Dostojewskij beschrieb diese Dynamik in Verbrechen und Strafe, und sie lässt sich im Spielplan 2009 auch in Peter Handkes furiosem Monolog einer Frau über ihren Geliebten Monsieur Krapp entdecken – oder in Alvis Hermanis wortlosem Spiel über die Gnade, die Simon & Garfunkels Musik vor einigen Jahrzehnten am Rande Europas verströmte. Denn was geschieht, wenn Gott kommt? Nichts, meint Euripides, das wir erwartet haben.
 
Spielplan Schauspiel 2009
 
Euripides • Die Bakchen
Hugo von Hofmannsthal • Jedermann (ausverkauft)
Samuel Beckett / Peter Handke • Das letzte Band / Bis dass der Tag euch scheidet Alvis Hermanis • The Sound of Silence
Fjodor M. Dostojewskij • Verbrechen und Strafe
Dichter zu Gast – Daniel Kehlmann • Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten
Der Mensch ist gut, nur die Leut’ sind schlecht
Dichter zu Gast – Daniel Kehlmann • Tamariz‘ Vorstellung • Die Küste Utopias
 Übersetzen • Autoren und ihre dunklen Geheimnisse
Liebste und vorletzte Lieder
Young Directors Project: Temporary Distortion • Welcome to Nowhere (bullet hole road)
Young Directors Project: Lewis Carroll • Alice
Young Directors Project: Ilija Trojanow • Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
Young Directors Project: Dries Verhoeven • You Are Here
 
Salzburger Festspiele 2009 © Bernd Uhlig
 
Das Konzert
 
Die Wiener Philharmoniker gestalten in bewährter Tradition wieder vier Opernproduktionen sowie fünf Konzerte: Nikolaus Harnoncourt eröffnet das Konzertprogramm der Salzburger Festspiele 2009 mit Franz Schubert und Josef Strauß am Pult der „Wiener“. Esa-Pekka Salonen, Riccardo Muti, Franz Welser-Möst und erstmals Gustavo Dudamel sind die weiteren Dirigenten im Zyklus Wiener Philharmoniker.

Zudem werden drei Orchester in Residence zu Gast sein: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen mit Paavo Järvi erarbeitet in Salzburg einen Beethoven-Zyklus. Les Musiciens du Louvre – Grenoble widmen sich mit Marc Minkowski dem Jahresregenten Joseph Haydn. Daniel Barenboim leitet das West-Eastern Divan Orchestra in zwei konzertanten Aufführungen von Beethovens Fidelio, einem öffentlichen Meisterkurs, einem Orchesterkonzert mit Werken von Liszt, Wagner, Berlioz und zwei Kammerkonzerten.

Edgard Varèse (1885–1965), amerikanischer Komponist französischer Herkunft, ist in diesem Jahr die Reihe Kontinente gewidmet. In acht Konzertprogrammen werden Werke des Weltbürgers und Anregers der „Musique concrète“ vorgestellt: Es musizieren u.a. die basel sinfonietta unter Jonathan Stockhammer und der Salzburger Ausnahme-Schlagzeuger Martin Grubinger; Sylvain Cambreling und das Klangforum Wien; Bertrand de Billy mit dem RSO Wien, das Ensemble Modern unter François-Xavier Roth, das ensemble recherche und Peter Rundel sowie die Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti.

In den Liszt-Szenen werden in außergewöhnlichen Interpreten-Konstellationen Werke von einem der berühmtesten Europäer seiner Zeit und der musikalischen Zentralgestalt der Romantik vorgestellt.

Die Vielfalt des Konzertprogramms zeigt sich auch in acht Kammerkonzerten u.a. mit Künstlern wie Joshua Bell, Steven Isserlis, Dénes Várjon, die Brüder Capuçon und das Emerson String Quartet.

Herausragende Künstlerpersönlichkeiten gestalten die Lieder- und Arienabende der Salzburger Festspiele in diesem Jahr: Magdalena Kožená und Mitsuko Uchida, Anna Netrebko begleitet von Daniel Barenboim, Thomas Quasthoff und Lars Vogt, Juan Diego Flórez sowie Jonas Kaufmann.
Die Solistenkonzerte präsentieren große Klavierkunst von Martha Argerich, Nelson Freire, Evgeny Kissin, Grigory Sokolov, Lang Lang, Maurizio Pollini sowie ein Wiedersehen mit dem Salzburger Geiger Thomas Zehetmair.

In beliebter Salzburger Tradition finden die Mozart-Matineen sowie Mozarts c-moll-Messe in der Uraufführungskirche St. Peter mit dem Mozarteum Orchester Salzburg statt.

Die Berliner Philharmoniker bilden seit Jahren den finalen Höhepunkt mit ihrem Chefdirigenten Sir Simon Rattle, die diesmal Joseph Haydns Die Jahreszeiten interpretieren.

In der Reihe Gastorchester programmierte Markus Hinterhäuser kostbare Konzertprogramme mit: Rolando Villazón und den Gabrieli Players unter der Leitung von Paul McCreesh; Adam Fischer und dem Attersee Institute Orchestra mit den Solisten Mischa Maisky und Malin Hartelius; Bertrand de Billy leitet das RSO Wien; Valery Gergiev steht dem London Symphony Orchestra vor und Mariss Jansons dirigiert das Königliche Concertgebouworchester Amsterdam.

Die Schule des Hörens leitet in der Saison 2009 Alfred Brendel. In drei Lectures wird er Einblick in seinen unvergleichlichen musikalischen Horizont gewähren.

Text: Thomas Oberender
 
Spielplan Konzert 2009
 
Wiener Philharmoniker
Berliner Philharmoniker
Gastorchester
Haydn-Zyklus
Beethoven-Zyklus
West-Eastern Divan Orchestra
Kontinent Varèse
Liszt-Szenen
Kammerkonzerte
Liederabende
Solistenkonzerte
Mozart-Matineen
Kirchenkonzert
Schule des Hörens
Young Singers Project

 
 
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